Ich schäme mich

Heute tue ich etwas, was ich bislang auf meinem Blog vermeiden habe, ich wende mich einem politischem Thema zu. Nicht dass ihr denkt ich wäre politisch uninteressiert oder wenig informiert. Dem ist definitiv nicht so. Ich finde nur es gibt Themen die hier einfach nicht in das Konzept meines Blogs passen. Dazu gehören neben politische Diskussionen genauso jene über Religionen oder all zu Intimes. Oft werden von Bloggern in diesem Themenbereich Dinge thematisiert über die sie weder informiert sind, noch involviert. Lediglich die vermeintliche Aufmerksamkeit und das Interesse Reichweite zu erlangen steht hier im Vordergrund. Reichweite hätte ich heute das erste mal im Leben gerne auch mehr, denn das Schweigen, darüber was gerade in unserer Welt geschieht, ist in den sozialen Medien ohrenbetäubend laut, obwohl die Nachrichten ständig berichten. Ja, ihr habt es erkannt. Es geht um den Nahost Konflikt. 

Da ich zwar durchaus politisch interessiert und auch recht gut informiert bin, aber ich der Meinung bin nicht genug selbst in der Materie zu sein um diese verständlich erörtern zu können, möchte ich auf die Hintergründe dessen, was gerade zwischen Palästina und Israel von statten geht nicht weiter eingehen. Auch von Schuldzuweisungen sehe ich ab, denn sie stehen mir einfach nicht zu und sie wären auch eher subjektiver Prägung, was ich an dieser Stelle als falsch einstufen würde. Dennoch nehme ich mir die Freiheit heraus auf Missstände hier in Deutschland zu verweisen und hoffe dabei die gewünschte Objektivität bei all der Verständnislosigkeit nicht zu verlieren. 

Die letzten Tage war ich vor Entsetzen wie gelähmt angesichts dessen, was sich hier auf unseren Strassen, auch ganz bei mir in der Nähe, für Szenen abspielten. Ich denke jeder hat die erschreckenden Bilder der Demonstrationen der Pro Palästinensischen und Anti Juden Bewegungen gesehen. Fassungslos, wenn auch nicht wirklich überrascht, verfolgte ich das Geschehen. Offener Antisemitismus in Deutschland, ich schäme mich! Verbrannte Flaggen, der Aufruf jüdische Frauen zu vergewaltigen und jüdische Kinder um zu bringen, purer Hass mit dem Willen den Staat Israel zu eliminieren. Bilder der Erinnerung, die ich mir wünschte nie wieder zu sehen, suchten zwangsläufig ihren Weg zurück in meinen Kopf. Und mit ihnen kam die Angst und das Entsetzen. Die Frage haben wir denn tatsächlich nicht aus der Geschichte gelernt? 

Ich könnte weinen vor lauter Ohnmachtsgefühl ob dessen was sich hier gerade zusammenbraut. Auch wenn der Antisemitismus zwar immer wieder laut in unserer Gesellschaft verurteilt wird, so sieht so sieht es hinter der Fassade des Saubermanns doch oft deutlich anders aus. Wir haben es nicht geschafft die ewig Gestrigen zum umdenken zu bewegen. Hier haben wir auf ganzer Linie versagt. Nach wie vor ist der „Jude“ ein beliebtes Hass Objekt der zur General Schuldigkeit erkoren ist. Nicht erst seit der Eskalation im Nahen Osten und seit dem Bombardement fühlen sich viele Juden in Deutschland nicht mehr sicher und solange das tragen einer Kippa als Provokation gesehen wird, solange ändert sich daran auch nichts. Das antisemitische Gedankengut ist zu tief verankert in vielen Köpfen. 

Aber gehen wir jetzt mal weg von den Gewalttaten und der öffentlichen Deformation und fragen uns mal ganz genau: was hat mein Nachbar, die Inhaberin meines Lieblingsbistros, mein Freund, meine Freundin, mein Kollege, mit der Israel Politik zu tun? Spätestens an dieser Stelle sollte jeder, der den Juden in Deutschland eine Mitverantwortung dessen gibt was gerade passiert peinlich berührt inne halten, denn die Antwort ist nichts! Meine Freunde und Bekannten sind überwiegend Deutsche wie du und ich. Sie sind hier geboren, zur Schule gegangen, denn Jude sein hat nichts mit Staatsangehörigkeit zu tun sondern ist lediglich eine Religion. Diesen Glauben in Deutschland leben zu dürfen ist ein Privileg von dem wir alle zusammen, egal ob Christ (es gibt übrigens auch jüdische Christen), Muslime, oder eben Juden, profitieren. Wir leben in einem Land, in dem Glaubensfreiheit/Religionsfreiheit in all ihren Facetten in unserem Grundgesetz fest verankert ist. Die befürchtete Andersartigkeit besteht in den gleichen unterscheiden wie zwischen Atheist und Katholik. Schaut man von dieser Perspektive wirkt der unsere Gesellschaft unterwandernde Hass geradezu lächerlich. Wie schön wäre es doch, wenn wir ihn, den Hass, einfach belächeln könnten, leider ist dem nicht so bzw. wäre es falsch. Es würde meinen Freunden weder helfen ihre Angst ab zu legen, noch würde sich gesellschaftlich in der Breite und Gänze etwas tun. Und ja, ich verstehe die Angst, teile sie nach dem Wochenende sogar, wohne ich doch in direkter Nachbarschaft zur jüdischen Gemeinde. 

Es reicht nicht, dass unsere Politiker all die Angriffe auf Synagogen oder jüdische Gemeinden und jüdischen Mitmenschen aufs schärfste verurteilen, es muss etwas geschehen. Es kann nicht sein, dass völlig unbeteiligte Menschen hier darunter leiden was politisch in einem fernen Land schief läuft. Es darf nicht sein, dass Antisemitismus öffentlich unter jeglicher Missachtung unserer Gesetze ungestraft fast schon zelebriert wird und die Massen schauen schweigend zu. Ich verstehe es nicht, dass man sich nicht deutlich distanziert, als Muslim und als Christ, ach, ganz egal welchem Glauben man hat. Ich verstehe auch nicht warum kein Aufschrei durch unsere Bevölkerung geht. Warum alle den Kopf ein ziehen und ihre Freunde, Kollegen, Nachbarn und Bekannte im Regen stehen lassen. Warum die Angst einer klaren Positionierung an dieser Stelle überwiegt. Es darf und kann nicht sein, dass die Freundschaft zu einem Juden wieder der Geheimhaltung aus Angst vor gesellschaftlichen Repressalien unterliegt, denn nur durch unser Schweigen geben wir denen, die Juden vernichten wollen, Macht. Jeder verkniffe Einwand ist der Freifahrtschein des Antisemiten. Und ja, ich verstehe die Unsicherheiten, auch ich habe zu oft weggeschaut, oft aus Angst geschwiegen, auch deshalb schäme ich mich, aber das ist vorbei.

Es ist höchste Zeit auf zu stehen und die Stimme zu erheben, auch wenn es ungemütlich werden kann. Nehmt es in Kauf eine Diskussion vom Zaun zu brechen, argumentiert mit Worten und nicht mit Hassparolen. Beleidigt nicht, sondern klärt auf. Sucht keine Schuld in der anderen Religion, denn sie ist nur das, was jeder einzelne daraus macht. Distanziert euch deutlich und bemerkbar von Radikalen, von jeglicher Gewalt. Steht euren Freunden bei und seit loyal. Das wäre meine Bitte an jeden einzelnen von euch. Gebt all den hier lebenden Juden das Gefühl dafür, das was sie ja schliesslich auch sind, ein wertvoller und anerkannter Teil unserer Gesellschaft zu sein, im kleinen wie im Grossen. Lasst sie nicht alleine. Nutzt eure Reichweite mal sinnvoll und tretet den Fächenbrand mit aus. Erst dann werden wir wieder angstfrei über die Strasse gehen können.

Love, Stefanie 

4 Kommentare

  1. EvelinWakri
    Mai 17, 2021 / 19:00

    Bin sprachlos nicht nur dieser Tage, schon ziemlich lange, wird die Angst größer, was da in Deutschland und Österreich geschieht. Unglaublich wie gewaltig Antisemitismus wieder verbreitet ist.
    Das Du nicht schweigst, sondern aufmerksam machst auf das was nicht nur auf unseren Straßen gegen unsere jüdischen Mitbewohner geschieht, ist so wichtig und auf den Punkt gebracht.
    Danke liebe Stefanie
    Evelin

    • Mai 18, 2021 / 09:52

      Sehr gerne liebe Evelin, ich hoffe darauf viele Menschen mit meinen Worten erreichen zu können die es mir gleich tun

  2. Mai 20, 2021 / 09:56

    Liebe Stefanie,
    vielen Dank für Deinen Post. Auch ich halte mich in den Medien mit politischen Posts zurück, und das obwohl ich politisch Engagiert bin. Jedes Jahr aufs Neue ärgere ich mich über die judenfeindlichen Demonstrationen und das leere Gerede der Politiker. Dieses Jahr allerdings wirkt es auf mich bedrohlich. Solange diese Gewaltaufrufe nur einer Seite zugeordnet werden wird es nicht besser werden befürchte ich. Das tatsächliche Problem wird so nur versteckt. Leider.
    Alice

    • Mai 21, 2021 / 20:38

      Liebe Alice,

      es ist bedrohlich und es muss sich definitiv etwas ändern.

      Liebe Grüße
      Stefanie

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