Der Sommer der kein Sommer war

Bis jetzt zumindest kann ich nur von einem Sommer reden der bis jetzt keiner war. Was mich persönlich in tiefste Traurigkeit stürzt, bin ich doch ein Mensch der warme Temperaturen und Sonnenschein liebt. Mir fehlt die Sonne ungemein und so endet der Blick nach draussen am Morgen meist schon mit reiner Frustration. Da regnet es Bindfäden und das grau in grau erinnert mich an den Herbst, der ja mal ganz ehrlich auch nicht mehr wirklich weit, da demnächst schon wieder lauert. Der Tag beginnt also schon mal mit Unlust wenn ich nach Jeans und Hemd greife, die festen Schuhe übertreife. Nichts ist es da mit Barfuss durch die Gegend hopsen, in leichtem Fähnchen oder in der Sonne sitzen während ich mein Büro nach draussen verlege. Da hilft nur eins, das träumen von anderen Welten. 

Ich träume mich weg in ferne Gefilde in denen die Sonne strahlt und ich schon morgens um sechs ohne zu frieren mich in die Fluten stürzen kann. Zu dieser zeit fast völlig alleine am Strand geniesse ich die Ruhe und komme zurück zum frühstück gleich bestens gelaunt. Ja das ist meine Welt. Kein grosses TamTam um was ziehe ich jetzt an. Das MAC Bock auf der Sonnenliege stehend, den ganzen Tag draussen arbeite ich wesentlich effektiver. Das ist eben genau meins. Nun einen Urlaub werde ich mir dieses Jahr nicht gönnen können. Es ist momentan aus verschiedenen Gründen gerade einfach nicht drinnen. Was ein Graus. Denn obwohl es in Frankfurt ja sogar Wasser gibt macht mich die Sehnsucht nach Meer fast krank. 

Ab und an denke ich so bei mir, ich bin einfach im falschen Land geboren. Nicht weil ich Deutschland doof finde sondern weil ich mich nach Sonne, Wärme und Wasser sehne. Gerade jetzt, nach all den tagen im Home Office, ein Jahr quasi eingepfercht, wird mir das alles wieder so bewusst und mein Vagabunden Gen meldet sich lautstark zu Wort. 

Was kaum verständlich ist, geht es doch im Job gerade wieder los. Man trifft sich wieder mal zum Dreh, da gibt es die eine oder andere Pressekonferenz und alles fängt wieder an zu drehen. Die Hektik ist zurück und mit ihr der Stress. Den Stress den ich so liebe, genauso wie die Hektik und das kribbeln bei jedem neuen Deal. Setze ich da aufs richtige Pferd, habe ich den richtigen Riecher oder geht der Schuss gehörig nach hinten los. Das arbeiten im eingespielten Team, all das liebe ich und doch ist das diese Sehnsucht in mir, all das hinter mir zu lassen und den Reset Knopf zu drücken. Hin und her überlege ich, wäre ab, zähle vor und Nachteile auf. Was hält mich hier? Wo zieht es mich hin, was vermisse ich? 

Ich liebe es hier zu leben, alleine schon wegen all meiner Freunde und der tollen Nachbarschaft. Anders als oft in einer Grossstadt erwartet gibt es die hier. Man trifft sich fast täglich, sei es zur Mittagspause oder einfach zu einem Plausch. Man hilft sich gegenseitig wenn immer Not am Mann. Man diskutiert, lacht, und schäkert mal hier und mal dort. Man ist per Du und Du wie in einem winzigen Ort. Fast etwas dörfliches hat es dass sich in Frankfurt so viele kennen. Ganz unterschiedliche Menschen finden hier zusammen. Angenommen wie sie sind, fernab von Status, Religion oder politischer Meinung akzeptiert man sich und freut sich zu sehen. All das macht für mich ein zu Hause aus. Und doch ist da diese Sehnsucht. Die mich mein leben lang begleitet. Die ich oft durch meinen Job befriedigen konnte. Die Reise und den Aufenthalt in fernen Ländern samt ihrer Kultur, das fehlt mir sehr. 

Eine Sehnsucht ist neu dazu gekommen, die nach meiner ursprünglichen Heimat. Nur kurze Stippvisiten verbrachte ich da in der Vergangenheit. Waren es die Anfänge meiner Karriere als Berufsreiterin oder eine kurzer Aufenthalt vor gerade mal vier Jahren. Immer wieder ging ich weg. Und jetzt ist es auf einmal da. Das Gefühl nach Hause zu wollen. Auch wenn Hamburg mir weder die warmen Temperaturen bietet noch direkt das Meer, begriff ich nach meinem letzten Aufenthalt dort das es wirklich meine Heimat ist. Diese Stadt, so wunderschön an sich, mit all dem Wasser mitten drinnen lässt mich auch bei Dauerregen morgens schon strahlen. Sie berührt mich ganz tief drinnen. Majestätisch unaufgeregt lässt sie mir Luft zum Atmen. Und noch etwas bietet sie mir was ich in Frankfurt schmerzlich vermisse. Meine Familie lebt in Norddeutschland. Alle meine Verwandten von Mama und Papa bis hin zum Cousin sind dem Norden treu. Ich bin die einzige, die weit ab vom Schuss hier unten alleine lebt und das wird mir immer schmerzlicher bewusst. War es mir immer genug telefonischen Kontakt zu halten vermisse ich nun die Treffen. Mir fehlt es sie alle zu sehen. Meine Mama in den Arm zu nehmen, von meinem Papa ein Küsschen zu bekommen, mit meinen Cousins und Cousinen zu lachen und einfach mal einen Geburtstag mit zu Feiern. Denn das ist meist nur Zufall das es dazu mal kommt. Wenn ich halt gerade mal beruflich in Hamburg verweile und es sich eben mal ergibt. Was die letzten Jahre viel zu selten war. Nicht die Aufenthalte in Hamburg, sondern die Zeit einen privaten Termin da rein zu quetschen. 

Manchmal denke ih also ich werde alt, weil sich die Prioritäten verschieben. Aber es könnte auch deswegen der Fall sein weil die Zeit ja nicht stehenbleibt. Für niemanden von uns allen und vielleicht ist da der Gedanke es sei irgendwann zu spät. Noch einmal den Reset Knopf zu drücken und all das nach zu holen was man bis dahin verpasst hat. Leider wird man nur nicht unbedingt mutiger wenn die Zahlen auf der Lebensuhr nur noch so dahin zu rasen scheinen. Wenn etwas gut funktioniert, man gut integriert ist, ist man weniger gewollt das Risiko eines Neustarts hin zu legen. Bis jetzt tat ich das immer nur wenn eh gerade alles in meinen Augen scheisse war, oder mich die Gesundheit wie damals bei der Aufgabe der Reiterei dazu zwang. 

Also sitze ich jetzt hier zwischen den Stühlen, denn ich vermisse Hamburg ohne Ende, weiss aber auch das ich hier meinen Grossteil an freunden habe. Auch mein berufliches Umfeld ist hier gut eingespielt. Ein gruseliger Gedanke also mein Team zurück lassen zu müssen denn so etwas entwickelt sich nur durch Zeit. Andererseits hat Corona uns allen gezeigt das gerade in meinem Beruf innerhalb kürzester Zeit alles zum vollem erlegen kommen kann. Das all diese gut eingespielten Teams nur dann funktionieren wenn wir unseren Job überhaupt ausüben dürfen. Trotzdem überwiegt hier meine Angst es in Hamburg nicht zu schaffen so erst einmal ganz auf mich alleine gestellt. Obwohl ich da auch nicht unbekannt bin glaube ich aber das mein Stand in Frankfurt einfach bislang ein wesentlich besserer ist. Auch albern diese Gedanken und eine weitere Ausrede um mir nicht ein zu gestehen dass ich mic einfach nicht traue. Denn ehrlich gesagt könnte ich theoretisch von überall auf der Welt arbeiten. Zumindest solange es Internet und Flug bzw. Zugverbindungen gibt. 

Diese Angst ist mir dennoch völlig fremd denn ich war immer schnell darin irgendwo Zelte ab zu brechen und sie wo anders neu zu erreichten. Alleine meine Unmengen an Umzügen sprechen da eine eigene Sprache. Aber da sind wir am nächsten kritischen Punkt. Packte ich bisher immer freudig meine Koffer, schleppte Möbel und Kartons in einen grossen LKW, den übrigens meist mein Vater steuerte, so ist dieser Gedanke dieses mal wirklich furchterregend. Meiner kleinen, so lieb gewonnenen Bude für immer den Rücken zu kehren lässt mich gerade zu erstarren. Und dennoch ist diese Sehnsucht fast zum greifen einfach da.

Wenn ich alleine an meinen letzten Aufenthalt denke. Erst alleine angereist stattete ich meinen Eltern einen der wenigen besuche ab. Es war so unendlich schön mit ihnen Zeit zu verbringen. Vom Spaziergang mit meinem Vater, er liebt die Natur ebenso wie ich, über den morgendlichen Kaffee mit meiner Mutter im Strandkorb sitzend vor der Tür, bis hin zur Geburstagsparty im Garten meines Cousin, ich habe es so genossen. Auch der Aufenthalt bei einem guten Freund liess mein Herz höher schlagen als ich Barfuss über die Wiese, quer durch den Garten, ans Wasser lief. Selbst den berufliche Termin, der definitiv nicht ohne war, nahm ich komplett entspannt war. Und es fiel mir unendlich schwer danach mit meinem Team Hamburg wieder zu verlassen. Der Weg zum Zug war mir trotz der Euphorie, dass alles gut gelaufen ist und mit traumhaften Bildern im Gepäck, ein Graus. Es war als würde ich einen Fehler begehen jetzt zu gehen. Bis heute denke ich bei mir ich hätte bleiben sollen. Eine Kurzschlussreaktion die keine Umkehr ermöglicht, vielleicht. Vielleicht hätte das alles aber auch Klarheit gebracht. 

Klarheit wollte ich mir jetzt eigentlich die Tage verschaffen und dann kam mir Kerlchen dazwischen. Denn er renkte sich den Atlas aus. Normal hätte ich mit meiner Mama Geburtstag gefeiert und einige wichtige Termine gehabt um meine beruflichen Chancen mal ab zu klopfen und mir ein Paar Wohnungen an zu sehen. Daraus wurde nichts. Karl kann so nicht reisen und es ist unmöglich ihn so bei einem Hundesitter zu lassen. Die gesundheitlichen Beschwerden sind einfach viel zu gross um ihn jetzt alleine zu lassen. Also kümmere ich mich erst mal um ihn, und zermartere mir weiter das Gehirn. Was richtig ist und was falsch, was ich will und was auch nicht. Welche Schritte ich bereit bin zu gehen oder lieber dann doch nicht. Ich weiss nicht ob ich den Mut nochmal aufbringe zu so einem Schritt und ob dieser Wechsel zurück in den Norden mir tatsächlich meine Sehnsüchte befriedigt. Wer weiss das schon im Vorfeld? Vielleicht ist diese Sehnsucht ja nur aus dem Gedanken geboren einer  gewissen Routine zu entgehen? Denn irgendwie kam ich am Ende bis her immer wieder hier her zurück. Damals vielleicht aus anderen Gründen als solche die mich heute hier halten. Und ist es nicht auch schön Sehnsucht überhaupt zu spüren? Sich durch sie zum Träumen verleiten zu lassen? 

Jetzt träume ich erst einmal weiter in den Tag von meiner nächsten beruflichen Station. Dieser Termin liegt noch weiter im Süden, in Italien um genau zu sein und der Gedanke daran vielleicht einen Tag frei zu haben und bei warmen Sonnenschein am Pool liegen zu können, mit einem guten Buch in der Hand, der lässt mich doch glatt vergessen dass ich heute morgen noch so unzufrieden war. 

Love, Stefanie 

4 Kommentare

  1. Katharina
    Juli 8, 2021 / 19:03

    Liebe Stefanie,

    ich kann nur sagen, dass man am Ende dorthin gehört, wo das Herz ist.

    Solche Entscheidungen sind immer sehr schwer, weil auch der Beruf nicht unwichtig ist. Die Augenblicke mit den eigenen Eltern sind sehr kostbar. Wenn ich eins für mich gelernt habe ist, dass jeder Augenblick zählt und das am Ende nur die Familie und die Liebe wichtig sind.

    VG Katharina

    • August 17, 2021 / 11:17

      Liebe Katharina,

      Bin da sehr nah bei dir

      Liebe Grüße
      Stefanie

  2. Sandra die_sizilianer__
    Juli 14, 2021 / 10:20

    Hi…..
    toll geschrieben…aber man merkt deine Zerissenheit….
    Hoffe es geht dir gut,vermisse dich auf Instagram!

    „Wer ständig versucht sich alle Türen offen zu halten,wird sein Leben auf dem Flur verbringen“

    Das bist du bestimmt nicht…finde den Spruch trotzdem gut!

    Kuss
    Sandra

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