Modewahn als Realitätsflucht?

Nachdem ich mich heute mal wieder meinem Blog widmen wollte und anfing über von euch gewünschte Themen nachzudenken und zu recherchieren, drängte sich mir eine Frage auf die sich schön öfters mal bei mir meldete. Da diese Frage für jemanden der einen Mode Blog schreibt kontraproduktiv ist schob ich sie aber immer wieder bis jetzt erfolgreich zur Seite.

Trotzdem drängt sich mir da der Gedanke immer hartnäckiger auf ob das, was wir hier alle treiben, noch gesund ist oder schon, überspitzt ausgedrückt, pathologische Züge annimmt. Auf die Gefahr hin mal wieder einen Shit Storm los zu treten möchte ich euch trotzdem an meinen Gedanken zu diesem Irrsinn der hier abgeht teilhaben lassen. Als Fallbeispiel und zur besseren Erklärung wähle ich den bisher unveröffentlichten Auszug zum Thema Trends 2020 über Jogginganzüge. 

Der Jogger 

Vom Sportlerheim in die City haben es jetzt endgültig Jogginganzüge geschafft. Waren sie bis vor einiger Zeit der Gammel Look für zu Hause und beäugten wir Menschen argwöhnisch die sich à la Atze Schröder oder Cindy von Marzahn damit in die Öffentlichkeit wagten wurden sie peu à peu en vogue. Der Siegeszug des Joggers begann wohl in unserer Suche nach Bequemlichkeit und Komfort. So war er doch zuerst bei langen Flugreisen außerhalb von Sprotlerkreisen, gehypt durch Blogger aus allen Herren Ländern zu der Uniform des stylischen Reisendem geworden. Fanden wir anfangs nun den Jogger in edlen Materialien wie Kaschmir und Wolle so dürfen wir uns heute zusätzlich über altbekanntes Naylon freuen. Waren bisher Modelle von Gucci und Co. eher bei männlichen, dunkelhäutigen mit viel Gold behängten Musikern aus den Staaten zu bewundern, so dürfen wir sie heute auch bei Krethi und Plethi sichten. Vorausgesetzt besagte Krethi und Plethi haben das nötige Kleingeld sich diesen Trend leisten zu können. Regten wir uns früher alle über den Jogginganzug von Adidas auf, so ist er heute zum Statussymbol geworden. Natürlich nicht der bekannte von Adidas. Naja, vielleicht auch der… zumindest bietet wirklich jeder Designer mittlerweile einen Jogger an. Sei es Burberry, Fendi, Chloé oder Louis Vuitton. Gucci kommt sogar mit einer Limited Edition zum Jahr der Maus auf den Markt. Vor zehn Jahren hätten wir noch den Kopf darüber geschüttelt, auch über die Wahnsinnspreise die dafür aufgerufen werden, heute greifen wir zu. Laufen voller stolz in unserem Designer Sportanzug nicht nur durch die endlosen Weiten eines Flughafens um später entspannt auf unserem Business oder First Class Sessel Platz zu nehmen (tatsächlich sind die Sichtungen eines Jogginganzuges in der Bretterklasse bisher eher selten), nein, wir stolzieren damit auch über unsere persönlichen Laufstege der Citys und Einkaufsmeilen. 

Anhand diesen Auszuges könnt ihr sicherlich den oben verwendetet Begriff „Irrsinn“ nach vollziehen. 

Werte, Wertigkeit und geänderte Wertesicht 

In Zeiten in denen es üblich geworden ist nicht anhand von Leistung, sondern anhand von Followern und bekommenen Likes auf rosa rot gefärbten Sozial Media Plattformen bewertet zu werden scheint es nicht verwunderlich, dass wir anfangen nach etwas zu streben was den gleichen Irrsinn beinhaltet wie oben erwähnte Bewertungsstrategie. 

Sozial Media, sicherlich keine schlechte Erfindung unserer Zeit, aber auch eine die Gefahren in sich birgt. Ich spreche hier nicht nur von den Möglichkeiten auf anonyme Art und Weise andere Menschen zu dissen indem man sich hinter Fake Profilen verstecken kann, sondern auch davon was dieser allgemein anerkannte und mit liebe praktizierte Voyeurismus mit so manch menschlichem Selbstbewusstsein anstellt. Wie oft habe ich in persönlichen Gesprächen gehört warum hat der/die/das dieses und jenes und ich nicht. Menschen die Leistung im wahren Leben erbringen und die sicherlich nicht an sich zweifeln müssen stellen sich plötzlich in Frage. Dachte man bisher man führe ein schönes Leben werden auf einmal durch das tägliche konsumieren fremder Shopping Eskalationen und Hollywood Romanzen völlig überzogene Sehnsüchte geweckt. Es bleibt nicht mehr dabei einfach teilhaben zu wollen, sondern es auch haben zu wollen tritt in den Vordergrund. Das eigene Leben wird im Vergleich mit diesen auf Hochglanz polierten auf einmal mittelmäßig empfunden, die eigene Garderobe als zu alt, der Job als langweilig, der Mann als Durchschnitt. Zack, ist es vergessen, das eigene Glück, denn da ist er geboren, der Wusch nach mehr. Und im gleichen Atemzug ist die Unzufriedenheit da. Hat man am Anfang das Ziel bei klaren Verstand noch im Visier verschwimmt es doch all zu schnell. Man kommt ins straucheln, sieht trotz Fleiß keinen Preis und da ist er auch schon da der Zweifel, der Zweifel an sich selbst, der Zweifel nicht gut genug zu sein. Was folgt ist der Wahnsinn sich mit materiellem aufwerten zu wollen. 

Mehr Schein als Sein 

Wie es bei Instagram so schöne Filter für unsere Fotos gibt um uns doch meist vorteilhafter erscheinen zu lassen, so fangen wir nun an uns nach außen einen Filter über unsere angeschlagene Seele zu legen. Frustkäufe werden als „das habe ich mir jetzt verdient“ gerechtfertigt. Es darf dafür nicht nur ein Pulli von Zara mit, nein, es reicht gerade mal so als kleines Pflaster, wenn der Postbote sich an unseren Paketen einen Bruch hebt. Natürlich können wir uns alleine nicht an den Dingen erfreuen, also wird schnell die Unboxing Story auf Instagram gepostet um das Lob zu erhalten was wir meinen zu verdienen, was wir brauchen, von unzähligen fremden Freunden die wir im wahren Leben nicht haben. Ach was sind wir toll und so beliebt. Um so größer der Frust wenn sich nur ein paar Glückwünsche zur Shopping Eskalation einstellen. Es war der falsche Weg. Es muss teurer sein, die Leute sollen doch verdammt noch mal sehen wie toll ich bin und was ich mir leisten kann. Her mit den Luxus Marken. Schnell ein Bild gemacht, das unboxing gezeigt, den Lob und die Bewunderung kassiert und nichts wie schnell zurück gesendet damit man die Rückgabe nicht versäumt weil dann doch zu teuer für das normale Gehalt – nicht umsonst haben online Shops angefangen rote Listen zu führen – der Frust kann nicht größer sein. 

Statussymbole 

Waren es in der Vergangenheit eher Dinge mit wirklichem Wert, wie z.B. ein eigenes Haus, ein Auto oder echt Schmuck, die ein Statussymbol darstellten, so spielen heute Kleidung und Accessoires von gerade aktuell angesagten Designern eine weit aus größere Rolle. Früher galt schon den Traum von einer Hermés Handtasche als recht dekadent und nur die wenigsten konnten sich diese exclusive Handtasche dann tatsächlich auch leisten. Heute ist der Kauf dieser Handtasche beeinflusst durch die Verkaufsphilosophie von Hermés nach wie vor recht exklusiv, der Preis und der Besitz einer solchen Tasche dagegen schon lange nicht mehr. Kaum vorstellbar vor zwanzig Jahren ein zwanzigjähriges Mädchen mit dieser Tasche zu sehen, heute gehört sie auf Instagram fast schon zum Standart. Ich überspitze das hier mit Absicht. Denn diese Tasche hat immerhin noch einen Wert. Trotzdem zeigt es den Wahnsinn den wir in der heutigen Gesellschaft leben. Zumindest diejenigen die es sich leisten können ohne sich Gedanken zu machen leben damit sicherlich auch recht zufrieden, anders sieht es aus mit denjenigen die es sich nicht leisten können und sich minderwertig fühlen weil Turnschuhe für 700 Euro oder Jogginganzüge für 3000 Euro eben nicht leisten können.  Diejenigen die es nicht verstehen, dass alles was ihnen da beim schauen schöner Bilder als normal verkauft wird ein Privileg ist, die Ausnahme. Keiner mag aber die Ausnahme nach unten sein, jeder will zu der Ausnahme nach oben gehören. In den absurdesten Dingen wie dem Designer Sneaker oder dem Designer Jogger darstellen wie toll er/ sie/ es doch ist. Um so absurder der erworbene Artikel des Luxus Designers um so größer der Wert als Statussymbol. Wie cool bin ich denn bitte wenn ich im Nylon Jogger von Gucci durch die Göthestrasse schlendere?

Von Fake und Prostitution 

Welche Formen das unbedingt haben wollen vermeintlicher Luxusartikel annimmt sehen wir hervorragend in der Flut aus Imitate. Seit Jahren entwickelt sich hier ein ganz eigener Wirtschaftszweig. Nie florierte das Geschäft mit dem Fake mehr als in unserer heutigen Zeit. Von der eins zu eins Kopie bis hin zu Imitaten mit kleinen Abwandlungen profitiert hier ein riesen Markt an dem Glauben so vieler mit mangelndem Selbstwert. Der Fälscher findet keinen besseren Abnehmer als denjenigen der seinen eigenen Wert von einem Besitz einer Handtasche oder eines Pullovers abhängig macht und unbedingt „dazu gehören“ will. Finde ich oben beschriebene Entwicklung bedenklich, so empfinde ich es als erschreckend eine weitere Entwicklung dieser – ausschließlich auf Besitz überflüssiger Dinge aufgebauten Wertsysteme – darin, wieviele überwiegend junge Frauen ihren Körper für das Geschenk einer Luxushandtasche oder ein paar High Heels mit roter Sohle freiwillig zur Verfügung stellen. Leider, der Erfahrung nach, ist diese Praktik in vielen Großstädten zum Alltag geworden. Ein Körper gegen eine Handtasche ist für mich nichts anderes als Prostitution. Der Preis der hier um des haben Willens gezahlt wird, für vermeintliche Anerkennung, ist eindeutige zu hoch. 

Warum trägst du Designer Klamotten? 

Diese Frage habe ich mir tatsächlich bei meinem letzten Blog Eintrag gestellt (ich habe hier berichtet) Immer wieder habe ich sie mir im Laufe der Zeit gestellt, denn lange vor Instagram war ich den Marken Klamotten verfallen. Ich mag besondere und hochwertige Kleidung weil sie mir langfristig Freude bereitet. Ich freu mich nicht nur über den Erwerb eines besonderen Stückes sondern auch darauf hin zu arbeiten, es mir leisten zu können. Das stöbern, das auswählen, meine Wunschlisten, all das sind für mich kleine Schritte zum Ziel und Motivation. Meine Persönlichkeit ändert sich dabei nicht, nur ist ein Pullover von H&M für mich einfach keine Motivation Höchstleistungen zu bringen. Die Jagd ist es, die ich so sehr mag, die Vorfreude. Ein Ziel zu haben, welches immer verbunden ist mit Leistung (ok, manchmal sind es nur meine Leistungen an Überredungskünsten, das gebe ich zu, aber man darf ja beim Lieblingsmenschen Wünsche nachdrücklich äußern und ich erwarte trotzdem nicht, dass alle Wünsche erfüllt werden). Ich mag zeitlose Stücke die auch nicht mit der Holzhammer Methode darauf hinweisen was sie für ein Budget gefressen haben, weswegen ich meist Dinge trage von denen es keine Fakes gibt. Nicht deutliche Markenzugehörigkeit zu erkennen ist auf dem Imitat-Markt nicht gerade umsatzfördernd. Natürlich bestätigen hier auch Ausnahmen die Regel. Das ein oder andere überflüssige besitze selbstverständlich auch ich. Trotzdem bleibe ich dabei: egal was du oder ich tragen, es ändert nichts daran wer wir sind. 

Und jetzt zum Ende meines Artikels hier. Wie siehst du das? Wie ist es bei dir? Gehe in dich, überlege und sei ehrlich … 

Love, Stefanie 

8 Kommentare

  1. Bettina
    März 10, 2020 / 20:09

    Liebe Stefanie,
    auch dein Blog ist ein Statement!
    Ich habe mir zu meinem Geburtstag etwas kleines, für mich großes, von einem Designer geschenkt… Siehe dein Foto… und ICH freue mich sehr darüber! Nicht, damit es andere auch toll finden, sondern weil es mir gefällt und ich dieses Stück, für mich, als Luxus empfinde… ich erfreue mich jeden Tag daran!
    Und bin stolz darauf, mir dies nun leisten zu können, für mich.
    Ganz liebe Grüße deine Betty

    • März 17, 2020 / 12:34

      Genau darum geht es Betty, die langanhaltende Freude für einen selbst

  2. Marianna
    März 11, 2020 / 07:57

    Hallo meine liebe Stefanie,
    Sehr schönes Beitrag!! Richtig klasse!! Hat mich auch nachdenklich gemacht , muss ich ehrlich sagen!!
    Ich habe immer das Motto gehabt, das nicht die Klamotten machen Menschen, Menschen machen die Klamotten!! Entschuldigt bitte, wenn ich falsch vielleicht geschrieben (ich meinte grammatik )!! Aber ich denke immer noch si, nach alle Jahre!! Und wenn z. B. ein Hut gefällt mir, dann trage ich die, egal modern es jetzt idee nicht, vom Designer es oder nicht!! Hauptsache es mir gefällt und macht mich glücklich!!
    Liebe Grüße Marianna

    • März 17, 2020 / 12:33

      Am wichtigsten ist es dass man sich wohlfühlen in dem was man trägt

  3. März 11, 2020 / 10:14

    Liebe Stefanie,
    ich staune immer, wieviel Neues die Leute auf Instagram so präsentieren. Ich bin mir sicher, bei den Designerstücken ist enorm viel Fake dabei. Lieber weniger, dafür Qualität und Zeitlosigkeit ist mein Motto. Um ehrlich zu sein, in meinem Kleiderschrank findest Du weder H&M noch Zara.
    Liee Grüße
    Alice

    • März 17, 2020 / 12:32

      Genau so mache ich das auch .. und ja, sicherlich wird viel Fake gezeigt

  4. EvelinWakri
    März 13, 2020 / 22:11

    Danke liebe Stefanie für diesen offenen und zum Nachdenken anregenden Beitrag. Ich habe Designermarken getragen vor meiner Transformation, einfach weil ich sie gekauft bekommen habe und sie damals nicht jeder getragen hat. Doch durch meine Erkrankung hat’s klick gemacht und ich wusste wie unbedeutend es ist, was ich trage, es bringt mir die Gesundheit nicht zurück. Heute lege ich auf Qualität Wert und es braucht keine Designermarke mehr sein, Hauptsache man sieht es nicht auf jeder Ecke. Jetzt ist es sowieso an der Zeit, dass wir über den Sinn des Lebens nachdenken und nicht was hat wer und wie kann ich mehr sein, als die Andere. Jogginganzug gibts bei mir nur zu Hause vorm Fernseher.
    Herzliche Grüße Evelin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.