Das große Jammern

Ja, es ist eine Zeit in dem das große Jammern en vogue gegangen zu sein scheint. War es bis vor einem Jahr eher eine Zeichen von Schwäche wenn man sich mal so richtig auskotzen wollte, sich in seinem sinnbefreiten Elend geradezu suhlte, es sich darin richtig behaglich einrichtete, scheint es neuerdings zum guten Ton zu gehören. Das große Jammern. 

Ein Trend mit fadem Beigeschmack 

Sehen wir uns auf den üblichen Plattformen der sozialen Medien momentan einmal genauer um, so stellen wir fest, dass es offensichtlich nur noch zwei Lager der Nutzer gibt. Die einen spielen schöne heile Welt und machen weiter wie bis her, halten Produkte in die Kamera die kein Mensch braucht und basteln ein Bild des „weiter, schöner, reicher“ so sehen wir auf der anderen Seite genau das Gegenteil. Das große Jammern und der zur Religion ausartende Frust über den Verzicht. Liest man es so, könne man meinen diese Menschen leben in einer zwei Quadratmeter großen Hundehütte, in Eisenketten gelegt mit täglich nur einem Glas Wasser und einem Stückchen Brot. Bemerkenswert hierbei finde ich, dass diese Religion Menschen in ihren Bahn zog denen es meines Erachtens nicht wirklich schlecht geht. Keiner dieser Menschen bangt um seine Existenz beachtet man hier die wilden online Shopping Exzesse die in routinierter Selbstverständlichkeit in kürzestem Takt alle zwei Tage freudig, begleitet von trotzigem Gemeckere über die allgemeine furchtbare Situation, dass man schließlich eine Ersatzbefriedigung brauche, weil der so nötige Urlaub ja verboten ist, in die Kamera gehalten wird. Das Gejammere darüber, ja so viele schöne Outfits jetzt gar nicht tragen zu können, zieht hier mit der Sehnsucht nach dem dringenden Urlaub für die nicht berufstätige Dame von Welt fast gleich. Oh ja, alle sehnen sie sich nach der Möglichkeit den eigenen vier Wänden zu entkommen und endlich mal wieder eine Gelegenheit zu bekommen sich fein rauszuputzen. Die Apostel dieser Religion fragen in regelmäßigen Abständen nach der Empfehlung neuer Serien, da sie Netflix mittlerweile in und auswendig kennen und forschen akribisch nach Möglichkeiten die Langeweile zu bekämpfen. Das Drama keine Freunde sehen zu dürfen wird hier genauso angebetet wie der nicht mögliche Restaurant Besuch.

Ich bin irritiert 

Tatsächlich fand ich kaum jemanden unter den Anhängern der großen Jammer Religion, der allen Grund dazu hätte wirklich Angst zu haben und dieser Angst nicht mehr gewachsen zu sein. Ich spreche von den Menschen, welche ihre Existenz verloren haben oder kurz davor stehen alles, was sie sich aufgebaut haben durch die momentanen Regularien  ein zu büßen. Ich rede von Menschen die echte Probleme, sei es durch ihre Existenz bedrohende wirtschaftliche Lage, oder durch ihre Psyche Verfassung, weil sie alleine leben, haben. Menschen die generell wenige Kontakte haben, solche die keine Freunde und Familien haben mit denen sie mal telefonieren könne und diese nun nicht mal mehr den kurzen Büro Talk haben. Menschen die alleinerziehend sind und nun Alles, ohne jegliche Hilfe unter einen Hut bringen müssen. Das Kleinkind beschäftigen, den Job machen, die Bude nicht verwahrlosen lassen, und den Grundschüler unterrichten. Menschen die durch Krankheiten bedingt sich enormen Risiken aussetzen, sobald sie nur in den Supermarkt gehen, Menschen die sich isolieren müssen und alle jene die gegen den Virus kämpfen. Sei es nun weil sie ihn haben, oder sie an vorderster Front ihr bestes auf den Intensivstationen geben. Menschen die Angehörige, Freunde und Bekannte verloren haben. Alle die mit extremen Lebensveränderungen klar kommen müssen dürfte die neue Religion des Jammerns einer Ohrfeige gleich kommen. 

Eine Ohrfeige für wirklich Betroffene 

Ich stelle nicht in Frage, dass es viele Menschen gibt die mit der aktuellen Situation nicht gut klar kommen. Ich stelle es aber in Frage ob alle diejenigen die am lautesten brüllen tatsächlich ein Problem mit den von der Regierung festgelegten Maßnahmen haben, oder hier nur die allgemein herrschende Unzufriedenheit über das eigene Leben zu Tage tritt. Die neuen Jünger des ewigen Jammerns scheinen ein großes Problem mit sich selbst zu haben. Anders kann ich mir die vorherrschende Langeweile und Unzufriedenheit nicht erklären. Ich spreche hier an dieser Stelle niemanden ab etwas zu vermissen. Sei es die Reise in ein fernes Land, der Restaurantbesuch, die große Fete mit vielen Freunden oder der Bummel durch die Stadt samt Kaffeetrinken. Der Kinobesuch, das Festival, der Ball oder das Konzert. All diese Dinge haben ihre Daseinsberechtigung und sind essentielle Bestandteile unserer modernen Gesellschaft. Aber mal völlig unabhängig von den Existenzen, die an all den Bereichen hängen welche gerade zu Stillstand verdonnert sind, schaut doch mal genau hin wo ihr, die Dauermotzer, steht. Könnt ihr euch nur über das Äußere, über Andere definieren? Braucht ihr diese Aufmerksamkeit, egal ob positiv oder negativ, Hauptsache ihr werdet wahrgenommen von Dritten? Mögt ihr euer zu Hause, eure Familien, euch selbst so wenig dass ihr die ewige Zerstreuung wirklich braucht? 

Ich verstehe es einfach nicht 

Tatsächlich verstehe ich viele der hausgemachten Problem der überwiegend weiblichen Anhängerschaft dieser neuen Religionsform nicht. Nehmen wir eine Aussage als Beispiel: „Es gibt gar keine Gelegenheit alle meine schönen Kleiderschrankschätze zu tragen“. Ein großes Fragezeichen formt sich hier vor meinem inneren Auge und ich stelle mir die Frage: wieso? Was hindert dich daran auch bei Stay at Home dich hübsch zu kleiden? Gelinde gesagt hatten wir doch noch nie so viele Möglichkeiten wirklich das zu tragen nachdem uns gerade der Sinn steht. Sei es das Abendkleid welches wir seit Jahren nicht mehr hervorzogen, weil es sich nie ergab, in dem wir uns aber fühlen wie Cinderella, oder der gemütliche Hausanzug. Beides keine Outfits mit denen man mal im Büro aufschlägt oder zum shoppen wandert. Heute ist das drinnen. Ich kann mich im Home Office als Cinderella fühlen oder im Schlafanzug eine online Shoppingtour begehen. Die Möglichkeiten sind hier unendlich. Keiner zwingt uns bei Stay at Home in den Jogginganzug oder ins Business Outfit wenn wir uns an den Schreibtisch setzen. Ok, die Kamera sollte bei Quark Maske im Gesicht während eines Zoom Meetings als Defekt gemeldet werden und aus bleiben, aber Leute, denkt doch mal nach! Es entzieht sich mir auch warum jemand „fast stirbt vor Langeweile“ nur weil alles mögliche geschlossen hat und die Serien auf Netflix leer geschaut sind. Es gibt Bücher und viel mehr als eine Flimmerkiste. Ich besitze übrigens seit vielen Jahren keinen TV mehr und gebe zu dennoch Langeweile nicht zu kennen. Mit Freunden kann man telefonieren, mit der Familie feiern, spielen, man kann spazieren gehen, sich ein Hobby suchen oder mal in sich gehen und sich fragen warum kann ich so schlecht alleine sein. Warum ist Unzufriedenheit mein Heiliger Gral. Warum verurteile ich andere, die es anders sehen, solche denen es nichts ausmacht alleine zu sein. 

Wieso begeben sich so viele in den Wettkampf derer die darum kämpfen wem es am schlechtesten geht, was soll das bezwecken? Bestätigung durch ein Zugehörigkeitsgefühl? Streicheleinheiten durch tröstende Worte? Oder eben nur wieder die Beweihräucherung des eigenen verkappten Egos? Es erschließt sich mir nicht… 

Love, Stefanie 

16 Kommentare

  1. EvelinWakri
    Januar 26, 2021 / 16:15

    Liebe Stefanie!
    Ich setzte heute ganz einfach meinen Namen und meine Unterschrift unter diesen genialen Beitrag offener wahrer Worte!!!!
    Warum soll ich jammern nur weil mein Leben seit fast 12 Monaten aus stay home und Homeoffice besteht. Vermissen tu ich vieles, aber was soll’s, ich jammere maximal übers Wetter, aber sogar damit habe ich mich derzeit arrangiert.

    Jammern und Selbstmitleid über die derzeitige Situation und das auf hohem Niveau in der Villa Kunterbunt sitzend, kein Verständnis. Never ever.
    Gute Besserung für Dich und ganz liebe Grüße
    Evelin

    • Januar 26, 2021 / 17:04

      Liebe Evelin,

      Vielen lieben Dank für deine lieben Worte, wir haben ja bereits telefoniert

      Beste Grüße nochmal
      Stefanie

  2. Britta
    Januar 26, 2021 / 16:16

    Hallo Stefanie

    absolut treffender Blog,voll auf den Punkt gebracht und wirklich sehr unterhaltsam geschrieben ❤️.
    Ich hab heute Abend etwas über Frustshopping vorbereitet für Insta… Wird bestimmt auch nicht sehr beliebt werden .

    Ich drücke Dich

    Britta

    • Januar 26, 2021 / 17:03

      Liebe Britta,

      Die Lust am Frust verstanden wir beide noch nie und ich freue mich auf sicherlich treffende und schön sarkastische Zeilen von Dir heute Abend

      Drück Dich
      Stefanie

  3. frolleindingens
    Januar 26, 2021 / 16:24

    Yeah,Du schreibst mir aus der Seele! Ok ,ich würde meinen Fernseher vermissen aber ich hab keine Langeweile wenn ich zuhause bin! Ich hab am Wochenende meine Abstellkammer entrümpelt! Jetzt passt da wieder ein Wäscheständer rein!
    #iamhappy Und ich habe festgestellt das sich mein derzeitiger Kleiderschrank in genau jener Kammer befindet (aufgeteilt auf Körbe) Arbeitskleidung…. Und am Wochenende trage ich Leggins und kuschelige Pullover usw. die ich niemals zur Arbeit tragen würde! ICH BESITZE KEIN ABENDKLEID SONST WÜRDE ICH ES ZUHAUSE TRAGEN!!!! Also keine Prinzessin 🙂
    Ein Mecker hab ich dennoch: ich brauch ne neue Jeans aber die müsste ich anprobieren….Also abwarten und die alten weiter tragen! 😉 Ich verstehe das Gejammer auch nicht!
    Online kaufe ich nur Dinge die ich im Supermarkt/DM nicht bekomme! Keine neuen Klamotten!
    Ich denke das Gejammer/der Einkaufswahn sind der Grund warum ich gerade keine Lust auf Insta hab.

    • Januar 26, 2021 / 17:02

      Hi Elke,
      Jepp … es geht einigen wir dir … die Unlust auf instagram wegen von Dir angesprochenen Verhaltensweisen … und … ich hätte dich zu gerne als Peinzessin im nächsten Video Chat begrüßt 😉
      liebe Grüße
      Stefanie

  4. Elke
    Januar 26, 2021 / 18:21

    Hallo,
    Ganz knapp 100% deiner Meinung.
    Mich macht das Getue so „langsam aggressiv“
    Hatte heute erst wieder zwei so Gespräche, oder eher Monologe am Ohr …

    Einen schönen Abend

    Liebe Grüße

    Elke

    • Januar 26, 2021 / 21:07

      Hi Elke,
      Mein „langsam aggressiv“ Gen äußerst sich zumeist hier auf meinem Blog… du siehst … bin ganz bei dir und bedanke mich für deine lieben Worte
      Liebe Grüße
      Stefanie

  5. Betty
    Januar 26, 2021 / 19:05

    Liebe Steffi,

    DU SPRICHST-SCHREIBST mir so aus der Seele!!!
    Mir geht dieses Gejammer, in welche Richtung auch immer, sooooo sehr auf’n Senkel…. aaaaaaah, zum aus der Haut fahren!!!
    Und dieses Selbstmitleid weil ich jetzt nich in Urlaub kann, oder mir die 101 Jeans oder oder kaufen kann…. wichtig ist aber, dass man letztes Jahr, trotz Corona fünf mal irgendwo hin geflogen ist…
    booooaaaaahhhh….

    Danke Du hast mich wieder so abgeholt! Und endlich ausgesprochen oder ausgeschrieben….

    Ganz liebe Grüße
    Betty

    • Januar 26, 2021 / 21:06

      Liebe Betty,
      tatsächlich dachte ich einen shit Storm vom Feinsten mit meinem Artikel hier zu bekommen, aber der Gegensatz ist der Fall… wahrscheinlich auch weil die Leute die diesen Beitrag sich zu Herzen nehmen sollten ihn nicht lesen ob ihres Desinteresse. Was ich sagen möchte … ich danke dir von ganzem Herzen für deine lieben Worte.
      Liebe Grüße
      Stefanie

  6. Katarzyna
    Januar 27, 2021 / 08:21

    Liebe Steffi,

    einfach wahre Worte.

    Ich lebe nach dem Motto: „Never complain, never explain“.

    Ich war auch vier Jahre nicht im Urlaub, hatte privat eine sehr bewegende Zeit. Bin aber froh, dass wir, unsere Familie und Freunde gesund sind, mein Mann und alle anderen einen Job haben und wir alle begreifen, dass es nicht nur höher und weiter gibt. Man sollte nicht nur nach oben sondern auch nach unten schauen und dann stellt man auf einmal fest, dass es uns allen trotz der Apokalypse da draußen immer noch verdammt gut geht.

    Was ich momentan nicht ausstehen kann, ist dieses: mein Haus, mein Auto, mein Boot und meine Kooperation… Vor allem weil gerade jetzt jemand einen Hut braucht, eine nachgemachte Tasche oder eine Handyschnur…

    In dem Sinne wünsche ich Dir eine schöne Wochenmitte. Bleib gesund und so wie Du Bist.

    Liebe Grüße

    Katharina

    • Januar 27, 2021 / 08:45

      Liebe Katharina,

      Zu der Werbung werde ich demnächst noch mal in einem gesonderten Beitrag etwas schreiben, auch wen. Ich das Thema ja schon des Öfteren aufgegriffen habe. Ich danke dir für deine Zustimmung und hoffe Du und Deine lieben bleiben alle gesund.

      Liebe Grüße
      Stefanie

  7. Tanja
    Januar 27, 2021 / 10:45

    Hallo liebe Stefanie,

    das ist wirklich ein großartige Beitrag. Das Verhalten der „Damen“ mal schön durchleuchtet und auf den Punkt gebracht wie absurd dieses eigentlich ist.
    Auch meine Tage sind von der Stimmung nicht alle gleich, sind sie aber auch in anderen Zeiten nicht. Ich genieße es im Moment sehr nicht nach der Uhr zu leben. Habe ich doch 20 Jahre lang nur 1 Woche Urlaub im Jahr gemacht, da dies als Selbstständiger immer eine große Herausforderung ist den Laden zu schließen. Aber wie man sieht, es geht viel, Umdenken ist angesagt.
    Man kann das Glück nicht im außen finden, wenn man es im inneren nicht fühlt.
    Bleib schön gesund, dass ist das einzige was wirklich zählt!

    Ganz liebe Grüße
    Tobe

    • Januar 27, 2021 / 11:43

      Hi Tobe,

      Vielen herzlichen Dank für deine lieben Worte und du hast recht … wer im inneren kein Glück empfindet wird es im Äußeren auch nicht finden.
      Bleib du auch gesund

      Liebe Grüße
      Stefanie

  8. Januar 30, 2021 / 21:47

    Bisher sind wir gesund und munter durch den Lockdown gekommen. Aber langsam beginnen echt einige Nöte. Mein Sohn wächst und besitzt nunmehr nur noch eine einzige passende Hose und ein paar Turnschuhe. Aus dem Rest ist er rausgewachsen. Bei Schnee echt doof. Online kaufen finde ich in diesem Fall blöd. Ich hasse es Dinge zurückzusenden weil sie nicht gefallen oder passen, insbesondere bei Schuhen. Meine Fußnägel erreichen mittlerweile so astronomische Längen, daß ich kaum noch Schuhe tragen kann. Wegen einer fehlenden Bandscheibe kann ich die Füße jedoch nicht richtig erreichen.
    Du siehst manchmal lässt sich das meckern nicht ganz unterbinden. Jetzt genießen wir den Schnee und dann schauen wir was die Zukunft bringt.
    Bleib Gesund
    Alice

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